Die Entstehung der zentralen Wasserversorgung in Harxheim
In überraschend kurzer Bauzeit entstand von 1904 bis 1905 die erste zentrale Wasserversorgung für Bodenheim und die umliegenden Gemeinden. Der Wasserversorgungsverband für das Bodenheimer Gebiet, der im Rahmen dieser Projektumsetzung gegründet wurde, war gemeinsam mit der Wasserversorgung Rhein-Selz (Guntersblum) die Keimzelle der heutigen Wasserversorgung Rheinhessen-Pfalz GmbH (wvr). Die wvr ist heute der zweitgrößte Wasserversorger in Rheinland-Pfalz. In Harxheim zeugt noch immer der alte Hochbehälter an der L425 kurz unterhalb des Steigerhofs von den Anfängen der Wasserversorgung in unserer Region.
Bis ins 20. Jahrhundert hinein versorgte sich die Harxheimer Bevölkerung über hauseigene Brunnen und den durch Quellen gespeisten Dorfbrunnen, den noch heute existierenden Röhrbrunnen in der Mainzer Straße, mit Trinkwasser. Im Gegensatz zu den umliegenden Berggemeinden waren die Grundwasserbrunnen in Harxheim relativ ergiebig, jedoch wegen ihrer geringen Tiefe hygienisch oft nicht einwandfrei. Die umliegenden höher gelegenen Gemeinden, insbesondere Lörzweiler, litten aufgrund der geologischen Verhältnisse oft unter Wassermangel. In Lörzweiler musste daher über große Teile des Jahres das Wasser mit Fuhrwerken von Harxheim und Nackenheim herbeigefahren werden. In der Rheinniederung und den dort gelegenen Orten war hingegen genügend Wasser vorhanden.
1903 ergriff die Gemeinde Bodenheim die Initiative zum Aufbau einer zentralen Wasserversorgung in Bodenheim. Probebohrungen ergaben, dass das reichlich vorhandene Grundwasser zwischen Bodenheim und dem Rhein brauchbares Trinkwasser lieferte. Da eine größere Versorgungsanlage als kosteneffizienter eingeschätzt wurde, wurden die umliegenden Gemeinden Laubenheim, Nackenheim, Gau-Bischofsheim, Harxheim, Lörzweiler und Mommenheim sowie in einem späteren Schritt Ebersheim in das Projekt zum Bau und Betrieb einer zentralen Wasserversorgung einbezogen. Am 25. Mai 1904 genehmigte das Großherzogliche Ministerium des Inneren, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe das Bauvorhaben. Am 13. Juni 1904 gründeten die beteiligten Gemeinden den Wasserversorgungsverband für das Bodenheimer Gebiet. Im Bauausschuss saßen für Harxheim der damalige Bürgermeister Philipp Heinrich Frieß sowie die Beigeordneten Ernst und Christian Frieß.
Mit den Vorarbeiten und der Durchführung des Projektes war Baurat Bruno von Böhmer, Vorstand der Großherzoglichen Kulturinspektion Mainz, beauftragt. Er dokumentierte die Umsetzung ausführlich in dem 1905 erschienenen Buch „Die Wasserversorgung des Bodenheimer Gebiets“ (online abrufbar über das rheinlandpfälzische Digitalisierungsportal dilibri. Seinen Aufzeichnungen zufolge wurde das Projekt in einem für heutige Verhältnisse sehr kurz anmutenden Zeitraum von nur achteinhalb Monaten vom Sommer 1904 bis zum Frühjahr 1905 fertiggestellt. Am 1. Mai 1905 begann die Wasserabgabe gegen Bezahlung von 25 Reichspfennig je Kubikmeter Wasser. Unter der Ägide von Baurat Böhmer wurden bis 1907 überdies noch vier weitere Wasserversorgungsverbände in Rheinhessen gegründet.
Wasserversorgungs-Infrastruktur in den Orten
von Böhmer, Bruno: Die Wasserversorgung des Bodenheimer Gebietes, Mainz 1905, S. 17
Die Versorgunginfrastruktur der Region Bodenheim umfasste die Brunnenanlage inkl. einer Anlage zur Wasserenteisung, das Pumpwerk inkl. des Pumpwerksgebäudes in Bodenheim, Druckleitungen und sieben Hochbehälter sowie die örtlichen Wasserleitungen. Das Versorgungsgebiet wurde in drei Druckzonen unterteilt, jede Druckzone erhielt einen eigenen Hochbehälter. Der Hochbehälter für die mittlere Druckzone diente gleichzeitig als Ortshochbehälter für Harxheim und Gau-Bischofsheim. Allein die verlegten Ortsrohrnetze hatten eine Länge von 41,8 km (hiervon 2,4 km in Harxheim). Inklusive der Hauptdruck- und Fallleitungen hatte das Rohrleitungsnetz eine Länge von 60 km. 1.332 Häuser erhielten einen Wasseranschluss (hiervon 66 in Harxheim).
Das Pumpwerksgebäude und die Hochbehälter wurden aufwendig und optisch ansprechend im Jugendstil gestaltet und zeugten von der Bedeutung einer modernen Wasserversorgung. Nach der Fertigstellung der Anlage wurde ein Betriebsausschuss gegründet, Harxheim delegierte Ortsbürgermeister Philipp Heinrich Frieß und Christian Frieß.
Die Versorgungsgebiete der in Rheinhessen damals geschaffenen Wasserversorgungsverbände blieben über Jahrzehnte unverändert. Das Versorgungsgebiet für den Wasserversorgungsverband für das Bodenheimer Gebiet wurde 1974 zum ersten Mal durch den Einbezug von Nieder-Olm erweitert. 1979 wurden die Wasserwerke Bodenheim / Nieder-Olm GmbH gegründet. Neben dem Wasserversorgungsverband Bodenheim wurde die privatwirtschaftliche rhenag Rheinische Energie AG aus Köln mit 25,1 % Mitgesellschafter. Probleme in der Wasserversorgung führten 1987 dazu, einen Antrag auf Wassergewinnung aus Rheinuferfiltrat anstelle von Grundwasser zu stellen. Parallel hierzu wuchs das Versorgungsgebiet weiter. 1993 fusionierten die Wasserwerke Bodenheim / Nieder-Olm GmbH mit der Wasserversorgung Rhein-Selz GmbH (Guntersblum) zur Wasserversorgung Rheinhessen GmbH. 1996 konnte in Bodenheim nach schwierigen Genehmigungsverfahren die Wassergewinnung aus Rheinuferfiltrat aufgenommen werden. 1999 wurde auch in Guntersblum die Wassergewinnung auf Rheinuferfiltrat umgestellt. Hiermit war die Wasserversorgung in Rheinhessen sichergestellt.
Mit der Übernahme des Versorgungsgebietes der Verbandsgemeinde Kirchheim-Bolanden 2011 und des Versorgungsgebietes Stadt Alzey und eines erheblichen Teiles der Verbandsgemeinde Alzey-Land 2012 wuchs die Gesellschaft weiter. 2011 erfolgt die Umfirmierung auf den aktuellen Firmennamen Wasserversorgung Rheinhessen-Pfalz GmbH (wvr). Die Gesellschaft ist heute der zweitgrößte Wasserversorger in Rheinland-Pfalz und versorgt über 230.000 Menschen mit Trinkwasser.
Was ist jedoch aus dem 1904 errichteten und mit einem sehr schönen Portal gestalteten Hochbehälter Gau-Bischofsheim-Harxheim geworden? Westlich der L425 befindet sich am nördlichen Ortsausgang kurz vor dem Steigerhof ein alter Hochbehälter, er sieht allerdings ganz anders aus als das ursprüngliche Gebäude. Laut Auskunft der wvr handelt es sich um den gleichen Standort. Die Antwort findet man in den Aufzeichnungen des Pfarrers Würth in der evangelischen Gemeindechronik. Anfang September 1914, also kurz nach Ausbruch des 1. Weltkrieges, notiert er: „Den ganzen Höhenrand (Anmerkung: nach der Steige in Richtung Mainz) ziehen sich verstärkte Befestigungswerke nun hin, deren Besichtigung untersagt ist. Das Wasserreservoir ist oben abgetragen, wird tiefer gelegt, mit Eisenbeton überwölbt und sogleich dabei, ebenso wie an der Mainzer und Ebersheimer Straße noch weitere, bombensichere Munitionsmagazine, haustief angelegt. Das schöne Portal des Wasserreservoirs mit seiner Inschrift ist entfernt.“ Im Februar 1915 ergänzt er: „Ein neues einfacheres Eisenbetonportal mit zwei schwerfälligen Säulen ist am Wasserreservoir jetzt fertig und freigelegt.“ Das stimmt überein mit dem jetzigen Bild. Sicherlich hat man schon damals das Verschwinden der schönen Fassade gerade zehn Jahre nach ihrer Errichtung bedauert.
Hinter dem alten Hochbehälter gibt es nun einen modernen Hochbehälter mit der Aufschrift „Hochbehälter Harxheim 1974, WVV Bodenheim“.
Quellenangaben:
von Böhmer, Bruno (1905): Die Wasserversorgung des Bodenheimer Gebietes. Mainz.
Kiesewetter, Willi (2016): 200 Jahre Wasserversorgung in Rheinhessen. In: Heimatjahrbuch Landkreis Mainz-Bingen. Band 60. S. 132 – 138.
Würth, Johannes (1909 – 1920): Aufzeichnungen in der Gemeindechronik der evangelischen Gemeinde Harxheim. Archiv der evangelischen Gemeinde Harxheim.
Internet-Seiten der Wasserversorgung Rheinhessen-Pfalz GmbH: www.wvr.de
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