Historisches Weingut Lotz
Von Tanja Reßler und Siegfried Schäfer
Eingebettet zwischen Ober- und Untergasse und durch die Kegelbahn begrenzt, liegt das herrschaftliche Anwesen sowie der parkähnliche Garten des ehemaligen Weinbaubetriebes Peter Lotz.
Postkarte mit Blick vom Garten auf das Haupthaus der Familie Lotz von 1910
Bildquelle: Privatarchiv Jürgen Lemke, Mainz-Finthen
Peter Lotz I. (1846-1896) war von Beruf Küfer und kam von Dürkheim bei Worms nach Harxheim, wo er 1862 den Betrieb gründete. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand unter der nachfolgenden Generation das herrschaftliche Wohnhaus im neo-klassizistischen Stil. In den ebenerdigen Seitenflügeln befanden sich Kelterhaus und Wirtschafträume. Der weiträumige, gepflasterte und zu zwei Dritteln unterkellerte Innenhof war durch zwei Toreinfahrten von der Obergasse zu erreichen und eröffnete den Blick über die Parkanlage. Der kleine Lusttempel im Garten, aufwendige Staketenzäune aus Schmiedeeisen und drei prachtvolle Wandkeramiken in der linken Torhalle künden noch heute von der hervorragenden wirtschaftlichen Verfassung dieses Betriebs. Die ursprünglich vier Keramikreliefs wurden von Peters Sohn Georg erworben und erinnern an die guten Weinernten 1865 und 1868 sowie an das Weltkriegsjahr 1918. Der Verbleib der vierten Keramik ist ungeklärt.
Eine weitere, kleinere Keramik befindet sich im ehemaligen Kelterhaus des Weingutes über einem Tordurchgang. Sie zeigt einen Edelmann mit Schwert und dürfte aus der gleichen Keramikmanufaktur stammen wie die großen Keramiken.
Peter Lotz I. war bekannt als guter Winzer, hatte aber auch einen ausgeprägten Sinn für‘s Geschäft. Konnte ein Winzer erbrachte Küferdienste nicht bezahlen, wurde das Geschäft mit Grund und Boden abgegolten. Durch diesen steten Zuwachs besaß die Familie in Bestzeiten über 21 Hektar eigene Weinberge, meist in besten Lagen in den Gemarkungen von Harxheim, Gau-Bischofsheim, Ebersheim und Hahnheim.
Familie Lotz (h. R., v.l.n.r.: Marie Lotz, Schwiegertochter Ilse mit Ehemann Carl, Georg Lotz) mit Belegschaft, 1940
Bildquelle: Christel Deiß
Von seinem Vater Georg übernahm Sohn Carl Anfang der zwanziger Jahre die Leitung des Betriebs und stellte 1926 Aloys Basten als Gutsverwalter ein. Hinzu kamen ein Buchhalter sowie weitere zwölf bis fünfzehn Festangestellte. Je nach Arbeitsanfall wurden zusätzlich noch bis zu zehn Saisonkräfte beschäftigt. Aufgrund der Betriebsgröße verfügte das Weingut sogar über eine eigene Traubenwaage, eingelassen im Boden des Kelterhauses seitlich des Anwesens.
Beeindruckend dokumentiert ein Foto die feierliche Vorstellung des „Befreiungsweines“ im Jahr 1929. (siehe oben, erstes Bild)
Im Vorgriff auf den Abzug der französischen Besatzung 1930 wurde dieser Wein produziert und bestimmt mit großer Freude über die wiedergewonnene Freiheit getrunken. Legendär waren die opulenten Herbstabschlüsse, bei denen die Leserinnen und Leser festlich gekleidet durch die Ortsstraßen defilierten und die Lese mit einer großen Herbst-Imbs beendeten.
Gegenüber dem technischen Fortschritt aufgeschlossen, kaufte Carl Lotz um das Jahr 1952 einen der ersten neu auf den Markt gekommenen Unimog Typ U 2010 mit etlichen Zusatzgeräten, um die Arbeiten im Weinberg zu erleichtern. Viele Harxheimer Winzer setzten zu dieser Zeit noch ihre Pferde ein.
1955 wurde ein 15.000 Liter fassender glasemaillierter Stahltank angeschafft, ein absolutes Novum gegenüber den traditionell verwendeten Eichenholzfässern.
Der größte Erfolg des Winzerbetriebs Lotz war die Lieferung von Wein anlässlich der Krönung der englischen Königin Elizabeth II. am 2. Juni 1953, der im Rahmen der Feierlichkeiten ausgeschenkt wurde. Es waren lieblich ausgebaute Riesling-Weine des Jahrgangs 1950 aus den Lagen Gau-Bischofsheimer Gauberg und Gau-Bischofsheimer Sandkaut. Die Mombacher Weinkommissionäre Siebchen und Lendle hatten die Weine damals ausgesucht.
Geschäftlich stand der Lotz’sche Betrieb mit renommierten Weinhandelshäusern wie Sichel & Söhne in Verbindung. Es erfolgten regelmäßige (Mess-)Weinlieferungen an das Bistum nach Mainz, obwohl die Familie Lotz evangelisch war. Die Hauptrebsorten waren Riesling und Silvaner. 1958 wurden die ersten Rotweinreben der Sorte Saint Laurent in der Lage Ostersteig in Harxheim angepflanzt.
Nach über vier Generationen, d.h. nach weit mehr als einem Jahrhundert, stellte Urenkel Peter Lotz II. Anfang der neunziger Jahre den Betrieb von Harxheims bedeutendstem Weingut ein. Oberhalb der Steinmauer rechts der Steig in Richtung Mainz befand sich weithin sichtbar noch lange das eiserne Firmenschild Weingut Peter Lotz.
Familie Hammen erwarb 1996 das Weingut und betrieb bis Oktober 2021 in den restaurierten Räumlichkeiten ihre Gutsschänke Zum alten Gutshof.
Quellenangaben:
Erzählungen von Philipp Deiß (ehemaliger Mitarbeiter des Weinguts Lotz)
Zeitzeugeninterviews und –berichte