„Es Spritze-Heisje“
Jede Gemeinde in Rheinhessen hatte teilweise bis in die 1960er Jahre im Ort eine zentrale Stelle zur Mischung von Spritzmitteln für die Bekämpfung von Schädlingen und Blattkrankheiten in den Weinbergen. In Harxheim war diese Stelle im Spritze-Heisje untergebracht.
Ein kleines Gebäude, das nur noch den Altvorderen in Harxheim ein Begriff ist, war das „Spritze-Heisje“. Dieses schlichte Häuschen mit gemauertem Erdgeschoß stand auf dem heutigen Messigny-et-Vantoux-Platz und war ausschließlich von der Bahnhofstraße her anzufahren. Darin wurde die „Spritzbrie“, im Haschemer Dialekt der generelle Begriff für die in der Landwirtschaft eingesetzten flüssigen Insektizide und Pestizide, gemischt. Charakteristisch für die Farbgebung der Innenwände und des Betonbodens waren die allgegenwärtigen kupfergrünen Farbsprenkel bzw. Flächen. Diese entstanden durch das Mischen des bis zum Ende der 1950er Jahre verwendeten Kupfervitriols als Allroundspritzmittel im Weinbau.
„Es Spitze-Heisje“ (zweites Gebäude von rechts), Helene Knußmann mit Tochter und Freundin, 1959
Bildquelle: Helene Knußmann
Im Erdgeschoß standen drei große Betongefäße mit einem Fassungsvermögen von je einer großen Badewanne. In einem Bottich wurde das Kupfersalz der Schwefelsäure (Vitriol) in Wasser gelöst, im anderen wurde eine Kalkmilch hergestellt, die in Mischung mit der ersten Flüssigkeit zu einem ph-Wert-neutralen Spritzmittel kombiniert wurde. Der dritte Bottich wurde als Wasserreservoir vorgehalten. Ph-Wert-neutral musste die Mischung sein, um beim Spritzen gegen Blattkrankheiten, wie beispielsweise die Peronospora, das Blattwerk der Reben nicht zu verbrennen.
Das Mischen erfolgte während des Befüllens der auf den vorgefahrenen Fuhrwerken befindlichen „Spritzbrie“-Fässer unter Hinzugabe entsprechender Wassermengen, um das fertige Spritzgemisch herzustellen. Mittels Lackmus-Streifen wurde die Mischung auf einen neutralen ph-Wert hin kontrolliert. Für den Füllvorgang verwendete man eine kleine Kolbenpumpe mit einer Durchlaufmessuhr, um die abgeholten Spritzmittelmengen registrieren und abrechnen zu können.
Der Einkauf des Vitriols erfolgte gemeinschaftlich über den von Friedrich Ackermann in der Untergasse betriebenen Landhandel („beim Kunsum“). Ein „Spritzbrie-Verantwortlicher“ hatte alleinigen Zugang zu den chemischen Ausgangsstoffen und deren Verwendung. Diese Person musste dafür sorgen, dass zu den festgelegten „Spritz-Tagen“ allen dieser Interessengemeinschaft angehörenden Winzern ausreichend flüssiges Pflanzenschutzmittel bereitgestellt wurde und die Spritzfässer ordnungsgemäß befüllt wurden. Nebenerwerbswinzer, die mit dem Handkarren nur geringe Mengen benötigten, wurden genauso versorgt wie Winzer, die mehrere hundert Liter brauchten. Stellten die Weinbauern Schädlingsbefall durch Sauer- oder Heuwurm fest, wurde dem Pestizid das berüchtigte E605 beigemischt. So wurde aus dem Präparat ohne großen Aufwand, jedoch mit durchschlagender Wirkung, ein Insektizid. Gespritzt wurden die Wingerte je nach Witterung und Bedarf bis zu fünf Mal, bevor die Lese begann.
„Das Ausbringen der ‚Spritzbrie‘ erfolgte bis weit in die fünfziger Jahre manuell mit großen Druck-Rückenspritzen mit 10 oder 15 Liter Inhalt. Für die Schädlingsbekämpfer war das echte Knochenarbeit“, erzählt Walter Frieß. „Die Männer oder wir Frauen gingen mit der ‚Wingertsspritz uff’m Buckel‘ zeilauf und auf der anderen Seite zeilab, bis die Spritze leer war und am ‚Spritzbrie-Fass‘ wieder erneut befüllt werden musste“, ergänzt seine Schwester Elli Böll.
Je nach Betriebsgröße waren ganze Kolonnen mit dieser Arbeit über Tage hin beschäftigt. Erst in den sechziger Jahren kamen modernere Spritzgeräte (kleine Selbstfahrer) zum Einsatz, die diesen Schritt der Weinbergsarbeit deutlich erleichterten.
Mit dem Einsatz moderner Pflanzenschutzmittel wurde das „Spritze-Heisje“ Ende der 1950er Jahre überflüssig und verwaiste. Es wurde Anfang der sechziger Jahre bei der ersten Neugestaltung des heutigen Messigny-et-Vantoux-Platzes abgerissen.
So bleibt abschließend noch eine Randbemerkung:
Es wird überliefert, dass ein alteingesessener Harxheimer Bürger in den 1950er Jahren die zwischen den Spritzterminen leerstehenden Betonbottiche ab und an für das samstägliche Bad nutzte.
Quellenangaben:
Zeitzeugenberichte
Eigene Recherchen