von | Nov. 24, 2022

Bohnerz in Rheinhessen

An vielen Stellen in Rheinhessen, so z. B. auch in den Hanglagen oberhalb von Harxheim, kann man Eisenerz in Form von Bohnerzen finden. Im 19. Jahrhundert sind diese Bohnerzvorkommen im Zuge der Industrialisierung und des Aufbaus der Schwerindustrie abgebaut und verhüttet worden.

Wandert man von Harxheim nach Ebersheim durch die Weinberge, so passiert man kurz vor Erreichen der Höhe von Ebersheim ein Gebiet, das auch heute noch bei der einheimischen Bevölkerung als der Eisenkopf bekannt ist. Wenn man sich fragt, woher dieser Name stammt, dann ist die Antwort überraschend:

Hier gab es einmal ein Bohnerzvorkommen, das im 19. Jahrhundert abgebaut wurde.

Der Eisenkopf zwischen Ebersheim und Harxheim

©GeoBasis-DE / LVermGeoRP (2021), dl-de/by-2-0, http://www.lvermgeo.rlp.de, die Markierung des Eisenkopf und die Bezeichnung „Harxheim“ wurden ergänzt

Bohnerze aus der Harxheimer Gemarkung

Bildquelle: Birgit Korte

Die eisenhaltigen Bohnerze sind rundliche, meist wenige Millimeter bis wenige Zentimeter große Gebilde und haben oft eine rotbräunliche Farbe. Sie entstanden nach dem Rückzug des Meeres aus dem Mainzer Becken vor mehr als 15 Millionen Jahren und sind ein Verwitterungsprodukt der oberflächennahen Kalksedimente. Es handelt sich um Konkretionen, d.h. wie bei einer Zwiebel lagerten sich bei jedem Bohnerzklümpchen um einen Ausgangskern weitere Schichten an. Der Eisengehalt beträgt meist zwischen 30 – 50 Prozent.

Abbau von Bohnerzen in Rheinhessen im beginnenden Industriezeitalter

Bohnerze kommen in Rheinhessen an vielen Stellen meist auf den Kalkplateaus vor. Mit dem Einsetzen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der sich entwickelnden Schwerindustrie wuchs der Bedarf an Eisenerz. Damit wurde der Abbau der Bohnerze interessant. Da sie meist oberflächennah lagerten, war dies im Tagebau möglich. Pionier auf diesem Gebiet war die 1735 in Eisenberg in der Pfalz gegründete Firma Gienanth. Ludwig von Gienanth ließ 1804 erste Versuchsschürfungen auf Bohnerz am Kloppberg bei Gau-Heppenheim durchführen.1805 wurde eine Erzwäsche angelegt und 1808 erhielt er die Konzession zum Abbau der Erze, der nun über mehrere Jahrzehnte betrieben wurde. 1822 erhielt Ludwig Gienanth eine weitere Konzession für den Abbau von Bohnerzen am Wißberg und begann 1828 mit dem Abbau am Südwestrand dieses Hochplateaus.

Das Ausmaß der Grabungsaktivitäten war beträchtlich. Das Schürfgebiet am Kloppberg erstreckte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts über 33 Hektar. In den 1830er Jahren wurden in beiden Gruben am Kloppberg und am Wißberg jeweils rund 1.500 Tonnen Erz pro Jahr abgebaut. Dies deckte rund die Hälfte des Gienanthschen Bedarfs. Die Erze wurden in Erzwäschen vor Ort gereinigt und dann mit Pferdefuhrwerken zu den Gienanth’schen Hüttenwerken in Eisenberg und Hochstein transportiert.

Ein drittes größeres Abbaugebiet in Rheinhessen, für das erst 1859 eine Grabungskonzession beantragt wurde, bestand am Westerberg bei Gau-Algesheim. Die Grube gehörte der Deutsch-Holländischen Actiengesellschaft, die im gleichen Jahr in Duisburg die Johannishütte mit zunächst einem Hochofen in Betrieb nahm. (1) Die Bohnerze wurden über den Rhein nach Duisburg transportiert. Erst 1906 wurde der Bohnerzabbau am Wißberg eingestellt.

Deckblatt des Prospektes zur Errichtung der Rheinhessischen Ludwigshütte in Mainz, 1856

Archiv HeidelbergCement AG, ZWW 21

Der Mainzer Unternehmer Christian Lothary wollte 1856 zusammen mit fünf weiteren Mainzer Unternehmern ebenfalls recht groß in das Verhüttungsgeschäft auf Basis von rheinhessischen Bohnerzen einsteigen und plante die Errichtung eines Hüttenwerkes unter dem Namen „Rheinhessische Ludwigshütte“ an Stelle des späteren Mainzer Güterbahnhofs in Weisenau. Wie üblich wurde zur Finanzierung des Vorhabens eine Aktiengesellschaft gegründet, um den Bau des Hüttenwerks durch den Verkauf von Aktien zu finanzieren. Geplant war unter anderem die Errichtung von zunächst drei Hochöfen mit einer Kapazität von 7.000 Tonnen Roheisen pro Jahr. Die Eisenerze sollten aus Rheinhessen kommen, wo über eine Fläche von 6.000 Hektar Schürfrechte zwischen Oppenheim und Monzernheim gesichert waren. 1856 wurde auch der junge Hüttenfachmann Julius Römheld in das Vorhaben einbezogen und zog vom Hüttenstandort Duisburg nach Mainz um. Das Projekt wurde letztendlich nicht umgesetzt, da die Bohnerzquellen sich als zu unergiebig erwiesen. Julius Römheld gründete jedoch 1859 in Mainz-Weisenau eine Eisengießerei,  Christian Lothary gründete 1864 das Zementwerk in Mainz-Weisenau. Aus beiden Gründungen wurden bedeutende Unternehmen, die noch heute bestehen

Die Rheinhessische Ludwigshütte wurde zwar nicht gebaut, aber dennoch müssen die Aktivitäten zum Bohnerzabbau in Rheinhessen im 19. Jahrhundert insgesamt sehr rege gewesen sein. Dies zeigt ein Blick in die Mitteilungen der hessischen Zentralstelle für Landesstatistik von 1867. Demnach wurden in der damaligen „Provinz Rheinhessen“ allein in diesem Jahr 26 „Permissionen und Concessionen“ für das Schürfen von Bohnerzen erteilt, darunter auch für Gau-Bischofsheim, Ebersheim und Zornheim.(2)

Bohnerze am Eisenkopf zwischen Harxheim und Ebersheim

Doch wie verhielt es sich mit den Bohnerzen am Eisenkopf zwischen Harxheim und Ebersheim? Hierüber erfahren wir etwas in den geologischen Schriften des Volkslehrers und sehr bewanderten Hobby-Geologen Anton Grooß aus Ingelheim, der Rheinhessen im 19. Jahrhundert intensiv geologisch erforschte.

Seine Informationen zum Eisenkopf hatte er von einem Steiger, einer Aufsichtsperson im Bergbau, erhalten. Demnach lagerte am Eisenkopf unter Schichten von Löss, Ton und Kalk eine bis zu 1,25 Meter mächtige Schicht mit Bohnerzen.

Weiteren Aufschluss gibt die 1940 erschienene Schrift „Die Bohnerzablagerungen in Rheinhessen und ihre Entstehung“ von Joachim Bartz, in der er seinerzeit aktuelle Forschungsergebnisse zu Bohnerzvorkommen in Rheinhessen zusammengefasst hat. Hier findet sich auch die folgende Abbildung, wobei es sich vermutlich auch um bereits ausgebeutete Vorkommen handelt.

Verbreitung der Bohnerzablagerungen auf Blatt Mainz

Quelle: Joachim Bartz. Die Bohnerzablagerungen in Rheinhessen und ihre Entstehung. Berlin. Reichsstelle für Bodenforschung. 1940, S. 12, Abb. 3

Bartz führt aus, dass früher Bohnerz am Eisenkopf abgebaut wurde, die Gewann würde von den Winzern immer noch als „Erzgrube“ bezeichnet. Allerdings fand er dort bei einer Begehung vor Ort auf Grund hoher überlagernder Lössschichten kaum Bohnerze. Auf dem Weg nach Osten Richtung Gau-Bischofsheim ließen sich sporadisch Bohnerze nachweisen.

Schürfrechte für Bohnerze in der Harxheimer Gemarkung

Sind Schürfrechte für Bohnerze für die Gemarkung Harxheim ersucht und vergeben worden? Ja, im Staatsarchiv in Speyer finden sich entsprechende Unterlagen. Johann Breithacker V. zu Sauer-Schwabenheim (das heutige Schwabenheim) hatte offensichtlich um 1857 ein Gesuch „zur Ertheilung der Permission auf Eisen- und Manganerze in der Gemarkung Harxheim“ an die Behörden gerichtet. Mit Datum vom 2. November 1857 schreibt die Großherzogliche Bürgermeisterei Harxheim in diesem Zusammenhang an das Großherzogliche Kreisamt in Mainz. Auf dem Blatt befindet sich eine Notiz, wonach der Antragsteller Versuche unternommen hat, Erz zu finden, die Grube jedoch wieder zugeworfen wurde. Was sich hieraus im weiteren Verlauf ergab, ist nicht bekannt.

1873 bemühte sich Johann Breithacker V. – dieses Mal mit noch zwei weiteren Herren – erneut um Schürfrechte in der Gemarkung Harxheim. Hierzu ist folgendes Schriftstück erhalten geblieben 3):

Bekanntmachung des Grabungsgesuches auf Eisen- und Manganerze in der Gemarkung Harxheim v. 30. Juni 1874

Landesarchiv Speyer H53 1880

„Bekanntmachung,

eines Concessionsgesuchs des Johannes Breithacker V. zu Sauer-Schwabenheim, W. Lang zu Gräveneck und Berginspecktors Carl Ludwig Münster zu Limburg an der Lahn auf Eisen- und Manganerze in der Gemarkung Harxheim Kreis Mainz.

Die erwähnten Petenten haben mittelst Vorstellung vom 30. August v. J.  die Concession zum Bergbau auf Eisen- und Manganerze in der Gemarkung Harxheim Kreis Mainz nachgesucht. In Gemäßheit der Art. 6 und 42 des Bergwerksgesetzes vom 21. April 1810 erbieten sich die Bewerber, den Eigenthümern des erwähnten Grubenfeldes eine jährliche Grundentschädigung von einem Pfennig pr. Morgen zu zahlen und außerdem jeden durch den Betrieb verursacht werdenden Schaden zu vergüten. In Auftrag Großherzoglicher Oberbaudirektion zu Darmstadt bringen wir dieses Gesuch und Anerbieten, in Gemäßheit der Artikel 23 und 24 des erwähnten Bergwerksgesetzes durch Einrücken in die Darmstädter Zeitung und das Mainzer Journal, sowie in das Mainzer Kreisblatt zur öffentlichen Kenntnis und wird dies noch außerdem von Seiten des Großherzoglichen Kreisamtes Mainz durch viermonatlichen Anschlag zur Verkündigung zu Mainz und Harxheim geschehen.

Diejenigen, welche Einspruch gegen das in Rede stehende Gesuch vorbringen wollen, haben solche innerhalb der viermonatlichen Verkündigungsfrist bei unterzeichneter Behörde anzumelden.

Theodorshalle, am 30. Juni 1874

Großherzogliches Salinenamt Theodorshalle

Jäger“

Zuvor hatte schon der Harxheimer Gemeinderat seine Zustimmung zu dem Gesuch gegeben und in einem Protokoll vom 4. Juni 1874 hierüber das Folgende vermerkt 4):

„Der Gemeinderath der Gemeinde Harxheim, in gesetzlicher Anzahl versammelt hat nach Ansicht der beiliegenden Verfügung über das in Rubr. (?) bezeichnete Gesuch um Erteilung einer Concession zur Gewinnung von Eisen- und Manganerzen in der Gemarkung Harxheim, im Kreise Mainz nichts dagegen zu erinnern, wenn die Einwohner der Gemeinde schadlos bei allenfallsigen Nachtheilen gehalten und überhaupt die hierüber bestehenden gesetzlichen Bestimmungen und Vorschriften genau befolgt werden.

Der Bürgermeister und Gemeinderath

Frieß, A. Götz, Rösch, Michael Ackermann III, Michel Ackermann II, Martin Happel, Joh. Ph. Happel, Joh. Ph. Ackermann, Georg Reichert“

Protokollausschnitt von der Sitzung des Harxheimer Gemeinderats vom 4. Juni 1874

Landesarchiv Speyer H53 1880

Die Konzession wurde dann tatsächlich im April 1875 vom Großherzoglichen Ministerium der Finanzen erteilt. Leider liegen keine Informationen vor, wann und in welcher Weise von der Konzession Gebrauch gemacht wurde. Auch ist unbekannt, wo Bohnerze aus der Harxheimer Gemarkung verhüttet worden sein könnten.

Kann man heute noch Bohnerze in den Weinbergen oberhalb von Harxheim finden? Ja, an einigen Stellen treten sie offen zutage. Allerdings mussten die mit diesem Thema befassten Personen ziemlich viele Spaziergänge unternehmen, bevor ihnen dies tatsächlich geglückt ist.

Quellenangaben:

1) Schönfelder (1861): Die Johannishütte der Deutsch-Holländischen Actiengesellschaft bei Duisburg. In: Die baulichen Anlagen auf den Berg-, Hütten- und Salinenwerken in Preussen. Beilage zur Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen (Band 9). 1. Jahrgang. 2. Lieferung. Berlin. S. 5.

 (2) Mittheilungen der Großherzoglich Hessischen Centralstelle für die Landesstatisik. 3. Band. Januar 1866 – December 1867. Darmstadt. S. 39.

 (3) Landesarchiv Speyer, H53, 1880

 (4) Landesarchiv Speyer, H53, 1880

 Bartz, Joachim (1940): Die Bohnerzablagerungen in Rheinhessen und ihre Entstehung. Berlin. Reichsstelle für Bodenforschung.

 Cramer, Dietmar (2014): Die Geschichte des Zementwerks Mainz-Weisenau. Heidelberg. HeidelCement AG.

 Grooß, Anton (1867): Geologische Specialkarte des Großherzogthums Hessen und der angrenzenden Landesgebiete. Darmstadt.

 Hinkel, Erich (2004): Gewinnung von Bohnerzen auf dem Westerberg zwischen Ingelheim und Gau-Algesheim. In: Heimatjahrbuch Kreis Mainz-Bingen. 2004. S. 209 f.

 Scholl, Herrmann; Bauer, Hans-Dieter (2010): Eisenerz aus Rheinhessen: Bohnerzabbau bei Gau-Heppenheim und Gau-Bickelheim. In: Heimatjahrbuch Landkreis Alzey-Worms. 2010. S. 98 – 103.

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